Lise Meitner – Leben und Werk

Prof. Dr. Ute Deichmann, Research Professor am Leo Baeck Institute London und Leiterin der Forschungsgruppe History of the Biological and Chemical Sciences (Universität zu Köln), leitet heute als Gründungsdirektorin das Jacques Loeb Centre for the History and Philosophy of the Life Sciences an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Sheva. Sie hielt anlässlich der Namensgebung unserer Schule am 9. September 1999 folgenden Vortrag über das Leben und Werk von Lise Meitner:

Wenn eine Schule den Namen der großen Physikerin Lise Meitner als Schulnamen wählt, so ist mit diesem freudigen Anlass auch eine Herausforderung verbunden. Lise Meitner war eine außergewöhnliche Frau und eine der bedeutendsten Naturwissenschaftlerinnen dieses Jahrhunderts. Ihr Leben kann Vorbild sein für alle, die mit geistigen und wissenschaftlichen Fragen befasst sind. Lise Meitner ist darüber hinaus eine Person, die in Deutschland großes Unrecht erfahren hat. Damit hängt auch zusammen, dass ihr Name bis vor einigen Jahren in der Öffentlichkeit kaum bekannt war. Ich denke hier nicht nur an die Diskriminierungen gegen sie als Frau, sondern vor allem an das große Unrecht, das ihr als Jüdin in der Nazizeit geschah und das Unrecht, das ihr sogar nach dem Krieg im Exil von Deutschland aus zugefügt wurde. Sowohl ihr großer wissenschaftli­cher Erfolg als auch die bitteren Folgen ihrer Emigration aus Berlin sind nur vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen im damaligen Deutschland zu verstehen. Daher ist Lise Meitners Geschichte auch eine deutsche Geschichte.

Im Folgenden beleuchte ich ihr Leben in drei verschiedenen Zeitabschnitten.

  1. In Wien und Berlin bis 1933

Lise Meitner wurde am 17. November 1878 als drittes Kind des Rechtsanwalts Philipp Meitner und seiner Frau Hedwig in Wien geboren, drei weitere Geschwister folgten. Die Familie war jüdisch, hatte sich aber vom Judentum, d.h. der jüdischen Religion weit entfernt. Lise Meitner und einige ihrer Geschwister ließen sich im Erwachsenenalter als Katholiken oder Protestanten (Lise Meitner selbst) taufen. Aber sie vergaß ihre jüdischen Wurzeln nie.

Ihre Schulzeit endete im Alter von 14 Jahren, da es in Österreich damals keine weiterführenden öffentlichen Schulen für Mädchen gab. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts öffneten sich aber die Universitäten für Frauen, vorausgesetzt, sie hatten die Matura (Abitur) (wie auch immer) abgelegt. Lise Meitner, deren Interesse an geistigen Fragen sich bereits frühzeitig gezeigt hatte, begann sich nach einer zur finanziellen Sicherheit vorgenommenen Ausbildung als Französischlehrerin auf die Matura vorzubereiten. Mit Hilfe von Privatunterricht holte sie den Stoff von acht Schuljahren in nur zwei Jahren nach, Griechisch, Latein, deutsche Literatur und Geschichte, Mathematik, .Physik, Logik, Religion und andere Fächer. Sie gehörte zu den wenigen jungen Frauen, die 1901 in Wien die Matura bestanden. In demselben Jahr begann sie als unglaublich eifrige Studentin an der Universität in Wien mit dem Studium der Mathematik, Physik, Chemie und Botanik. Ihr wurde schnell bewusst, dass sie Physikerin werden wollte.

Es war die große Zeit der Entdeckung der Radioaktivität und des Beginns der Kernphysik. 1896 entdeckte der französische Physiker Antoine Becquerel durch Zufall die radioaktive Strahlung von Uran, eine Entdeckung, die Marie Curie veranlasste, die Untersuchung der Radioaktivität zum Thema ihrer Doktorarbeit zu machen. Ernest Rutherford in England entdeckte 1897 die drei Typen der Uranstrahlung, α-, β- und γ-Strahlen. Etwas später zeigte er durch Beschuss von Goldfolie mit α-Strahlen, dass Atome einen Kern besitzen, der ihre gesamte Masse enthält, und dass ihre Hülle, in dem masselose Elektronen kreisen, fast leer ist.

Die Physiker, von denen Lise Meitner in ihrem Studium am meisten beeinflusst wurde, waren Ludwig Boltzmann und Stefan Meyer in Wien und später Max Planck in Berlin.

Im Jahre 1896 schloss Lise Meitner ihr Studium mit einer Doktorarbeit über α- und ß-Strahlen, d.h. über Radioaktivität, als Fräulein Dr. Meitner ab. Kurze Zeit später ging sie, vom Ruf Max Plancks angezogen, nach Berlin. Sie wollte dort einige Semester weiterstudieren, um ihre Kennt­nisse der Physik zu vertiefen. Sie blieb länger als 30 Jahre in Berlin. Frauen waren damals von preußischen Universitäten noch ausgeschlossen. So musste Lise Meitner Max Planck erst um Erlaubnis bitten, um seine Vorlesungen besuchen zu dürfen. Sie hatte Glück. Planck war ein kon­servativer preußischer Gelehrter, der im Allgemeinen nichts vom Frauenstudium hielt, bei beson­derer Begabung aber Ausnahmen zuließ. Er hielt Lise Meitner für eine solche Ausnahme. Max Planck wurde für Lise Meitner eine Vaterfigur und ein guter Freund. Auch bei ihren Bemühun­gen, darüber hinaus experimentell weiter zu arbeiten, hatte sie Glück. Damals war die einzige Möglichkeit für eine Frau, in einem wissenschaftlichen Labor zu arbeiten, einen Mann zu finden, der an einer Zusammenarbeit interessiert war. Und Lise Meitner stieß auf solch einen Mann, den fast gleichaltrigen Chemiker Otto Hahn, der ebenfalls über Radioaktivität forschen wollte. Eine über 30jährige Zusammenarbeit begann.

Beide forschten zunächst im Chemischen Institut der Universität Berlin. Dessen Leiter, der be­deutende Chemiker Emil Fischer, war politisch liberal. Aber er tolerierte keine Frauen in seinem Institut, angeblich, weil er Angst hatte, sie würden ihre Haare beim Experimentieren in Brand setzen. Meitner und Hahn konnten ihre Forschung aber in einem Raum des Untergeschosses be­treiben, der als Holzwerkstatt gedacht war. Meitner durfte das chemische Institut der Universität nicht einmal betreten, um Chemikalien zu besorgen. Ein Jahr später wurde das Verbot für Frauen an preußischen Universitäten aufgehoben, und Fischer erlaubte ihr, das Institut zu betreten. Aber einige Assistenten ärgerten sich, und manche grüßten, wenn sie Otto Hahn und Lise Meitner zu­sammen antrafen, mit „Guten Tag, Herr Hahn“. Lise Meitner ließ sich aber nicht beirren.

Lise Meitners Verhältnis zu Otto Hahn war rein freundschaftlich und kollegial. Sie hatte auch eine Reihe von Freunden unter Physikern, vor allem Max Planck, Max von Laue und James Franck. Bei ihrer herzlichen Liebenswürdigkeit und Fähigkeit zu Freundschaften scheint es verwunderlich, dass sie niemals heiratete oder zumindest eine engere Beziehung zu einem Mann hatte. Als viele Jahre später eine Tochter James Francks, Dagmar von Hippel, sie fragte, warum sie nicht geheiratet habe, obwohl sie so hübsch sei und so viele junge Männer um sie herum ge­wesen seien, antwortete sie nur, „Meine liebe Daggie, ich hatte einfach keine Zeit dazu.“

Das Jahr 1912 brachte eine entscheidende Änderung. Mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-GeseIlschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft), die große Forschungsinstitute außerhalb der Universitäten finanzierte, durften Hahn und Meitner ihre Forschung in einer Abteilung für Radioaktivität des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie fortsetzen. 1917 wurde Meitner mit dem Aufbau einer selbständigen physikalischen Abteilung, Hahn mit dem einer chemischen Abteilung an diesem Institut beauftragt. Diese Abteilung leitete Meitner bis 1938. Ein großer wissenschaftlicher Erfolg dieser Zeit war die Entdeckung eines neuen chemischen Elements, des Elements Nr. 91: Protactinium im Jahre 1918 durch Meitner und Hahn.

Ich möchte hier nicht über den Ersten Weltkrieg sprechen, den Meitner z. T. als freiwillige Kriegsteilnehmerin verbrachte – sie war Röntgenschwester der österreichischen Armee. Ihr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden ließ sie aber nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien im Jahre 1915 eine kritischere Haltung gegenüber der Politik Deutschlands einnehmen. Sie war dann nach dem Krieg eine überzeugte Demokratin, eine Seltenheit unter deutschen Wissenschaftlern. Die Jahre der Weimarer Republik, also die Zeit nach dem Krieg bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, waren Jahre intensivster Beschäftigung mit Physik und äußerster Produktivität. „Ich liebe die Physik mit ganzem Herzen“, schrieb sie ihrer Freundin Elisabeth Schiemann, einer Biologin. „Ich kann es mir kaum, vorstellen, dass sie nicht Teil meines Lebens ist. Es ist eine Art persönlicher Liebe, wie für eine Person, der man für Vieles dankbar ist.“

Seit 1920 arbeiteten Meitner und Hahn auf verschiedenen Gebieten, jeder in seiner Abteilung an demselben Institut. Sie blieben dabei gute Freunde. Als Experimentalphysikerin, die aber immer nahe an der Theorie blieb, erarbeitete sich Lise Meitner die Theorie und die experimentellen Grundlagen der gesamten Kernphysik, eines damals neuen Gebietes. Sie wurde eine der führen­den Kernphysiker(innen) der Welt und war sowohl in Deutschland als auch international sehr geachtet. Sie wurde durch eine Reihe von Ehrungen und Preisen ausgezeichnet. Hahn arbeitete vor allem an der Verbesserung radiochemischer Techniken, auch im Hinblick auf industrielle Anwendungen. Beide wurden in den 20er Jahren sowohl getrennt als auch gemeinsam mehrere Male für den Nobelpreis vorgeschlagen. 1924 wurde Meitner wie Hahn Honorarprofessor an der Berliner Universität. Die 20er Jahre waren für Lise Meitner neben der Forschungsarbeit auch eine Zeit der Freundschaften und der Teilnahme am kulturellen Leben.

Das änderte sich allerdings schlagartig im Januar 1933, als Hitler an die Macht kam.

  1. Im nationalsozialistischen Deutschland, Emigration nach Schweden

Die Angriffe und „rechtlichen“ Maßnahmen gegen Juden begannen direkt am Anfang der natio­nalsozialistischen Herrschaft. Die meisten jüdischen Wissenschaftler und Lehrer wurden, unab­hängig von ihrer politischen Haltung, bereits im April 1933 entlassen. Dabei interessierte die Nazis nicht die Religionszugehörigkeit, sondern sie definierten jüdisch als Rassezugehörigkeit. Fast jeder und jede Deutsche, der oder die mindestens eine jüdische Großmutter oder Großvater hatte, wurde entlassen, unabhängig davon, ob er oder sie jüdisch, katholisch oder evangelisch war. Viele der entlassenen Wissenschaftler emigrierten, wie z.B. Albert Einstein, und Lise Meitner verlor dadurch eine Reihe von Freunden. Aber sie selbst durfte noch bleiben, da sie Österreicherin war. Und sie blieb zunächst, ermutigt von Max Planck und Otto Hahn. Sie hing an ihrer phy­sikalischen Abteilung: „Ich habe sie vom ersten kleinen Stein an aufgebaut, sie war, sozusagen, mein Lebenswerk, und es schien so schrecklich hart, mich davon zu trennen.“ versuchte sie nach dem Krieg einer Freundin zu erklären.

Aber ihr Leben änderte sich drastisch. Im Juli 1933 wurde ihr die Lehrerlaubnis an der Berliner Universität entzogen, sie konnte an wissenschaftlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen und war, nachdem ihre letzten Studenten sie verlassen hatten, bald von der Universität abgeschnitten. Zudem gab es unter den Mitarbeitern des Instituts einige Aktivisten der NSDAP, so dass sie vorsichtig sein musste. Auch wenn ihr persönlich nichts geschah, sah sie doch die tägli­chen Gewaltakte der SA gegen Juden auf offener Straße in Berlin. Nur wenige Freunde hielten zu ihr, darunter Max Planck, Max von Laue, Otto Hahn und Elisabeth Schiemann. Die meisten scheuten den Kontakt mit ihr als Jüdin, da er Nachteile bringen konnte.

Trotzdem: in dieser Isolierung regte sie eine neue Zusammenarbeit mit Hahn an, die weit reichende Folgen haben sollte. 1934 wurde die künstliche Radioaktivität entdeckt, und der italieni­sche Physiker Enrico Fermi erhielt viele neue radioaktive Isotope, indem er verschiedene Elemente mit den 1932 entdeckten Neutronen beschoss. Er glaubte dabei, auch Elemente gefun­den zu haben, die schwerer waren als Uran, und die er deshalb Transurane nannte. Lise Meitner war von diesen Experimenten so fasziniert, dass sie Otto Hahn und den jungen Chemiker Fritz Straßmann zu einer neuen Zusammenarbeit überredete. Bei Hahn, der sich damals mit ange­wandter Radiochemie befasste, dauerte es einige Wochen, bis er sich zu dieser Forschung entschloss. Meitner wollte die Frage der Transurane klären. Auch die Tochter von Marie Curie, Irene Curie, und ihr Mann Frédéric Joliot in Paris hatten sich dieses Ziel gesetzt, und so entwickelte sich ein Wettstreit. Meitner und ihre Kollegen in Berlin fanden neue Substanzen, deren Halbwertszeiten, Strahlungsart und chemische Eigenschaften sie bestimmten, kamen aber in der Frage der Transurane nicht weiter. Das Bild, das sich bei der Transuranforschung in Berlin und auch in Paris zeigte, die vielen Substanzen, die man nicht einordnen konnte, war sehr verwirrend. An­fang 1938 wurde eine neue Phase der Forschung eingeleitet, als Irene Curie und Frédéric Joliot in Paris ein neues kurzlebiges Produkt fanden, das sie zunächst als Thorium, dann als Lanthan be­zeichneten. Diese Ergebnisse lösten an vielen Orten der We1t Forschungen über die Natur dieses Teilchens aus, auch in Berlin.

Im März 1938 waren vier Jahre dieser gemeinsamen Forschung von Hahn, Meitner und Straßmann vergangen, als Hitler in Wien einmarschierte. Österreich wurde annektiert, und Lise Meit­ner verlor ihre österreichische Staatsangehörigkeit. Ein Kollege am Institut denunzierte sie beim Wissenschaftsministerium, „die Jüdin gefährdet das Institut“, und Otto Hahn bekam Angst um sein Institut. Unter diesen Bedingungen entschied sich Lise Meitner, einen Ausreiseantrag zu stellen. Der wurde allerdings abgelehnt. Die Situation wurde gefährlich. Kollegen in Holland und Dänemark, vor allem Niels Bohr, suchten nach Möglichkeiten, Lise Meitner zu helfen. So floh sie mit Hilfe des holländischen Kollegen Dirk Coster am 13.Juli 1938 über die Grenze nach Holland, nur mit einem Handkoffer als Gepäck. Nach 31 Jahren erfolgreicher Forschung in Deutschland stand sie jetzt mit 59 Jahren mittellos in einem fremden Land. Niels Bohr und schwedische Kollegen erreichten schließlich, dass sie in Manne Siegbahns Institut für Experimentelle Physik in Stockholm einen Arbeitsplatz bekam. Sie wurde dort aber nie heimisch, fühlte sich als unwillkommener Gast und blieb von der Kernphysik abgeschnitten. Ihre Briefe aus dieser Zeit zeigen die Trauer und Verbitterung über die Entwicklung in Deutschland und ihre jetzige Lage.

In Berlin setzten Hahn und Straßmann die Forschung an Transuranen fort. Sie führten mit Meitner aber einen regen Briefwechsel, so dass sie in wissenschaftlicher Hinsicht nicht sofort von Berlin abgeschnitten war – sie gehörte weiter zum Team. So war es auch Lise Meitner, die im De­zember 1938 als erste über merkwürdige Funde Hahns und Straßmanns informiert wurde. Die beiden Chemiker hatten unter den Produkten, die bei dem Beschuss von Uran mit der Massenzahl 238 (bzw. 235) mit Neutronen entstehen, Barium erhalten, d.h. ein Element mit der erheblich geringeren Massenzahl 137. Hahn bat Meitner in einem Brief um eine Interpretation dieses Er­gebnisses, das nach damaligem Verständnis der Kernphysik nicht möglich war. Lise Meitner fand die Erklärung zusammen mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch, der sie gerade in Stockholm be­suchte, als Hahns Brief eintraf. Meitner und Frisch erkannten nach langen Berechnungen, dass der Urankern zerplatzt war, und prägten den Ausdruck Atomspaltung (fission). Aber dieselben rassenpolitischen Gründe, die sie im Sommer 1938 aus Deutschland vertrieben hatten, verhin­derten im Dezember 1938, dass Lise Meitner und auch Otto Robert Frisch Mitautoren bei der Barium-Publikation wurden, die im Januar 1939 in der deutschen Zeitschrift Die Naturwissen­schaften erschien. So publizierten sie und ihr Neffe ebenfalls im Januar 1939 ihre theoretische Deutung der Uranspaltung in der angesehenen englischen Zeitschrift Nature. Die große wissen­schaftliche Bedeutung beider Publikationen war sofort allen Kernphysikern auf der ganzen Welt und auch in Deutschland klar. Etwas später wurde auch klar, dass die bei der Kernspaltung frei­werdenden Energiemengen praktisch und wahrscheinlich auch zum Bau einer Bombe genutzt werden konnten.

Otto Hahn hatte Angst, dass seine fortdauernde Zusammenarbeit mit der Jüdin Meitner bekannt. wurde. Dies und die Vorwürfe der Berliner .Physiker, dass er sie nicht früher über seine Ergebnisse informiert hatte, führten dazu, dass Hahn kurz danach die Geschichte der Entdeckung der Kernspaltung umarbeitete. Dabei erwähnte er weder seine langjährige Zusammenarbeit mit Lise Meitner, noch die Tatsache, dass sie es war, die diese Forschung überhaupt und entscheidende Experimente dazu angeregt hatte, noch die Tatsache, dass die Entdeckung von Anfang bis zum Ende interdisziplinär, d.h. ein Ergebnis von Physik und Chemie war. Hahn machte die Kernspal­tung zu einer Sache der Chemie, also zu seiner eigenen Sache, die von der Physik nicht berührt wurde. Lise Meitners Beitrag wurde in Deutschland fortan entweder vollständig ignoriert oder ohne Namensnennung zitiert, was sie mit großem Kummer erfüllte.

Ich will hier nicht über den Zweiten Weltkrieg reden, die Angst vor einer deutschen Atombombe, die Physiker in den USA dazu trieb, die Atombombe in den USA zu entwickeln. Oder den er­folglosen Versuch einer solchen Atombombenentwicklung in Deutschland, der nach dem Krieg geleugnet wurde. Oder auf die Einrichtung der Konzentrations- und Vernichtungslager, in denen Millionen Menschen, vor allem Juden ermordet wurden. Es sei aber erwähnt, dass der oben erwähnte Fritz Straßmann im Gegensatz zu den meisten Wissenschaftlern in Deutschland zusammen mit seiner Frau Maria 1943 so mutig war, die jüdische Pianistin Andrea Wolffenstein bei sich zu Hause zu verstecken, obwohl es für ihn und seine Familie lebensgefährlich war. Andrea Wolffenstein überlebte, und Straßmann erhielt später einen Baum auf der Straße der Gerechten in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Ich möchte jetzt noch auf die Nachkriegszeit eingehen und fragen: Gab es 1945 einen neuen Anfang, gab es eine Entschuldigung der deutschen Wissenschaftler bei ihren jüdischen Kollegen, und wurde Lise Meitners Rolle im Berliner Team und bei der Kernspaltung wenigstens nachträglich gewürdigt?

  1. Nach dem Zweiten Weltkrieg

Das ganze Ausmaß der durch deutsche Truppen angerichteten Verwüstungen in anderen Ländern und der Vernichtung der europäischen Juden in KZs wurde im Ausland im Frühjahr 1945 publik.

Entsetzt von diesen Meldungen schrieb Lise Meitner an Otto Hahn und auch an andere ehemalige deutsche Freunde. Sie wollte ihnen helfen, die Haltung der meisten Kollegen im Ausland, insbesondere der Betroffenen, zu verstehen und forderte ihre deutschen Freunde auf, ihre Mitverant­wortung an den Verbrechen zu bekennen. Dabei hielt sie trotz allem, was sie erlebt hatte, an ihren Freundschaften fest. In einem Brief an Otto Hahn, den Hahn allerdings nicht erhielt, schrieb sie am 27.6.1945:

„Lieber Otto,

Ich habe Dir in diesen Monaten in Gedanken sehr viele Briefe geschrieben, weil mir klar war, daß selbst Menschen wie Du und Laue die wirkliche Lage nicht begriffen hatten. Das ist ja das Un­glück von Deutschland, daß Ihr alle den Maßstab für Recht und Fairneß verloren hattet….

Ich muß Dir das schreiben, denn es hängt so viel für Euch und Deutschland davon ab, daß Ihr einseht, was Ihr habt geschehen lassen. Es ist hier im neutralen Schweden schon lange vor Kriegsende diskutiert worden, was man mit den deutschen Gelehrten nach Beendigung des Krie­ges tun soll. Wie mögen erst die Engländer und Amerikaner darüber denken? Ich und viele andere mit mir meinen, ein Weg für Euch wäre es, eine offene Erklärung abzugeben, daß Ihr Euch be­wußt seid, durch Euere Passivität eine Mitverantwortung für das Geschehen auf Euch genommen zu haben, und daß Ihr das Bedürfnis habt, soweit das Geschehene überhaupt gut gemacht werden kann, dabei mitzuwirken. Aber viele meinen, es sei zu spät dafür. Diese sagen, Ihr hättet erst Euere Freunde verraten, dann Euere Männer und Kinder, indem Ihr sie in einem verbrecherischen Krieg Ihr Leben habt einsetzen lassen, und schließlich hättet Ihr auch Deutschland selbst verraten, weil Ihr, als der Krieg schon ganz hoffnungslos war, Euch nicht einmal gegen die sinnlose Zerstö­rung Deutschlands gewehrt habt.

Das klingt erbarmungslos, und doch glaube mir, es ist ehrlichste Freundschaft, warum ich Dir das alles schreibe. – Daß die übrige Welt Deutschland bedauert, könnt Ihr wirklich nicht erwarten. Was man in diesen Tagen von den unfaßbaren Greueln in den Konzentrationslagern gehört hat, übersteigt alles, wovor man sich gefürchtet hatte. Als ich im englischen Radio einen sehr sachlichen Bericht der Engländer und Amerikaner über Belsen und Buchenwald hörte, fing ich laut an zu heulen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Und wenn Du die Menschen gesehen hät­test, die aus den Lagern hierher kamen. Man sollte einen Mann wie Heisenberg und viele Millio­nen mit ihm zwingen, sich diese Lager und die gemarterten Menschen anzusehen. Sein Auftreten in Dänemark 1941 ist unvergeßlich.

Du wirst Dich vielleicht erinnern, daß ich, als ich noch in Deutschland war, (und heute weiß ich, daß es nicht nur dumm, sondern ein großes Unrecht war, daß ich nicht sofort weggegangen bin) Dir oft sagte: Solange nur wir die schlaflosen Nächte haben und nicht Ihr, solange wird es in Deutschland nicht besser werden. Aber Ihr hattet keine schlaflosen Nächte. Ihr habt nicht sehen wollen, es war zu unbequem. Ich könnte es Dir an vielen, großen und kleinen, Beispielen beweisen. Ich bitte Dich, mir zu glauben, daß alles das, was ich hier schreibe, ein Versuch ist, Euch zu helfen.

Mit sehr herzlichen Grüßen an alle.

Deine Lise“

Aber Hahn und die meisten seiner Kollegen in Deutschland verstanden nicht, auch dann nicht, wenn sie vorher keine Nazis gewesen waren. Eine offene Erklärung wurde nie abgegeben. Wenn Hahn vorher Meitners Namen geleugnet und ihre Beiträge unterdrückt hatte, weil er sonst Schwierigkeiten bekommen hätte, tat er es jetzt aus einem anderen Grund: Hahns Sorge galt nach dem Krieg in erster Linie Deutschland, seinem Land, das von der ganzen Welt, wie er fand, ungerechtfertigterweise angegriffen wurde. Lise Meitner hatte dagegen Mitleid, sie schickte viele Lebensmittel nach Deutschland, aber sie konnte Hahns neues übersteigertes Nationalbewusstsein nicht ertragen und hielt ihm vor, dass er kein Gefühl für das Leid hatte, das Deutschland über Millionen von Menschen z.B. im besetzten Polen gebracht hatte.

Die vielen Briefe, die Lise Meitner in der Nachkriegszeit schrieb, änderten aber nichts an der Haltung Hahns und vieler seiner Kollegen in Deutschland. Hahn war zwar kein Nazi gewesen, und er hielt den Kontakt mit Lise Meitner auch nach ihrer Emigration aufrecht. Aber letztlich verriet auch er seine langjährige Freundin und Kollegin, leugnete ihre Beiträge, zunächst, weil ihm seine Arbeit und sein Institut wichtiger waren, später, weil es gefährlich war, wenn er sich zur Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit und zu ihrem Beitrag an der großen Entdeckung bekannt hätte.

Aber nach dem Krieg bestand diese Gefahr nicht mehr.

Otto Hahn war einer der erfolgreichsten deutschen Wissenschaftler seiner Zeit: Er war kein Na­tionalsozialist gewesen und konnte daher in der Nachkriegszeit international auftreten. Dabei half ihm auch die auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückgehende Legende, nach der Deutschland die Atombombe nicht gebaut hatte, weil die Wissenschaftler dies aus moralischen Gründen nicht gewollt hätten. Erst seit einigen Jahren wird auch in Deutschland anerkannt, dass nicht die moralische Haltung deutscher Physiker, sondern andere Gründe, vor allem wissenschaftliche und technische Fehler den Bau der Atombombe in Deutschland verhindert hatten. Otto Hahns Ruhm wurde vor allem auch dadurch bestärkt, dass er – ohne Lise Meitner und Fritz Straßmann – 1946 den Nobelpreis des Jahres 1944 für die Entdeckung derKernspaltung erhielt. Die Tatsache, dass Lise Meitner den Nobelpreis, den sie nach Meinung vieler bedeutender Wissenschaftler verdient hatte, nicht erhielt, wird heute als eine der gravierendsten Fehlentscheidungen des Stockholmer Nobelkomitees angesehen.

Lise Meitner nahm an den Feierlichkeiten in Stockholm teil, musste dort aber die Erfahrung ma­chen, dass Hahn sie und ihren Beitrag aus seinem wissenschaftlichen Leben verdrängt hatte. Sie schrieb James Franck, einem ehemaligen deutsch-jüdischen Kollegen, der ebenfalls zum Emigranten ge­worden war, dass Hahn die Vergangenheit und das Unrecht und grauenvolle Leid, das Deutsch­land in einigen Ländern, z.B. Polen angerichtet hat, mit aller Macht verdränge. Und da sie selbst ein Teil der zu verdrängenden Vergangenheit sei, habe Hahn in keinem der Interviews, wo er über seine Lebensarbeit gesprochen habe, ihre langjährige Zusammenarbeit oder auch nur ihren Namen erwähnt.

Lise Meitner führte ihre brieflichen politischen Auseinandersetzungen mit Hahn und anderen Kollegen in Deutschland nicht weiter. Später kam eine vielleicht nostalgisch bedingte Herzlichkeit in ihre Freundschaft zurück. Sie gehörte zu den jüdischen Emigranten und Emigrantinnen, die zu Konferenzen und Besuchen nach Deutschland kam, das erste Mal 1949. In Deutschland leben wollte sie verständlicherweise allerdings nicht mehr. Als ihr Fritz Straßmann 1947 die Leitung der physikalischen Abteilung des nach Mainz verlegten MPI für Chemie anbot, überlegte sie lange, weil sie Straßmann sehr schätzte, lehnte dann aber ab. An eine Freundin schrieb sie: „Die Deutschen haben noch immer nicht begriffen, was geschehen ist, und alle Greuel, die ihnen nicht persönlich widerfahren sind, vergessen. Ich glaube, ich würde in dieser Atmosphäre nicht atmen können.“

Lise Meitner erhielt nach dem Krieg für ihre wissenschaftlichen Leistungen in vielen Ländern Anerkennungen und Preise. In Deutschland blieb sie jedoch, sei es in einem Bericht der Max-Planck-Gesellschaft, oder einem Artikel des Physikers Werner Heisenberg, lediglich „Mitarbeiterin“ Otto Hahns.

Lise Meitner ließ sich 1953 mit 75 Jahren pensionieren. Sie blieb noch einige Jahre in Stockholm, in denen sie sich weiter um ihre Studenten kümmerte. 1960 zog sie zu ihrem Neffen Otto Robert Frisch und seiner Familie nach Cambridge (England). Dort starb sie am 27.0ktober 1968, kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Trotz des großen Unglücks und der rassistischen Verfolgung, mit denen sie in ihrem Leben zu kämpfen hatte, Kriege, Vertreibung, Demütigung und vieles andere mehr, sah sie ihr Leben als erfülltes Leben an, erfüllt durch die Physik und, wie sie selbst bemerkte, durch die großen und liebenswerten Persönlichkeiten, mit denen sie zusammengekommen war. Auf ihrem Grabstein in Südengland steht: „Sie blieb zeit ihres Lebens eine Humanistin.“

  1. Epilog: Die Geschichte der Kernspaltung im Nachkriegsdeutschland

Hahns Version der Entdeckung der Kernspaltung, nach der sie ausschließlich ein Ergebnis chemi­scher Forschung, d.h. ein Ergebnis von ihm selbst und Straßmann sei, und nach der Physiker, d.h. Lise Meitner, daran keinen Anteil hatten, setzte sich im Nachkriegsdeutschland durch. So ver­schwand Lise Meitner in Deutschland bis etwa vor 10 Jahren völlig aus dem Blickfeld oder wurde allenfalls zur „Mitarbeiterin Otto Hahns“, d.h. einer abhängigen Untergebenen.

Einige Beispiele für diese verfälschende Darstellung der Kernspaltung in Deutschland:

Im Deutschen Museum in München befand sich bis 1990 ein Labortisch mit der Aufschrift: Arbeitstisch Otto Hahns. Wer genau hinsieht, stellt fest, dass es sich um einen Tisch mit Gegenständen der physikalischen Forschung handelt, also Gegenständen, die Lise Meitner in ihrem Labor gebaut und zusammengestellt hatte. Aber über 30 Jahre lang fehlte ihr Name dort völlig. Auf Protest vor allem von Frauen brachte das Museum dann in den späten 80er Jahren auf der rechten Seite eine kleine Plakette an, auf der stand, dass Meitner als Mitarbeiterin von Hahn und Straßmann dort gearbeitet hatte.

Aber es gibt trotzdem Anzeichen dafür, dass Lise Meitners Name und ihre Leistung aus dem Dunkel der Vergessenheit hervorkommen. So errichtete die Max-Planck-Gesellschaft nach dem Otto-Hahn-Institut auch ein Hahn-Meitner-Institut. Die Ausstellung im Deutschen Museum wurde 1991 geändert, und der Begleittext zu dem Labortisch behandelt jetzt Hahn, Meitner und Straßmann gleichwertig. Dies geschah aufgrund von Protesten mehrerer Historiker, darunter Ruth Simes, einer amerikanischen Professorin, die 1996 eine hervorragende Biographie über Lise Meitner publizierte, die im nächsten Jahr auf Deutsch erscheinen wird. Eine Gruppe von Forschern in Darmstadt (Gesellschaft für Schwerionenforschung) hat in den letzten Jahren ein super-schweres Element synthetisiert. Sie nannten es Element 109 Meitnerium, nach Lise Meitner, und der Name wurde angenommen.

Die Namensgebung Ihrer Schule ist ein weiteres sichtbares Zeichen des Gedenkens an Lise Meitner. Sie trägt dazu bei, historisches Unrecht bewusst zu machen und ist insofern auch ein politischer Akt. Ich möchte mit einer Äußerung Lise Meitners schließen, die sie wenige Jahre vor ihrem Tod machte, und mit der sie ihr eigenes Leben zusammenfasste:

„Ich glaube, dass alle jungen Leute darüber nachdenken, wie sie ihre Leben entwickeln könnten. Als ich dies getan habe, kam ich zu dem Schluss, dass das Leben nicht einfach zu sein braucht, wenn es dafür nicht leer ist.“

Literatur:

Ruth Lewin Sime, Lise Meitner, A Life in Physics, Berkeley 1996: Univ. of California Press.